Die fünfte Jahreszeit Narren-Lexikon Eine Wissenschaft für sich: Närrische Begriffe Warum ist die 11 Symbolzahl der Narren? Wie errechnet sich der jährliche Fastnachtstermin? Was ist eigentlich Guggenmusik? Und woher stammen die vier Fastnachtsfarben? Und, und und... Was du schon immer über Karneval wissen wolltest, aber nie zu fragen gewagt hast - hier findest du (vielleicht) die Antwort auf deine sinnigen und unsinnigen Fragen. Auf drei Seiten habe ich die wichtigsten und gängigsten Begriffe rund um die fünfte Jahreszeit zusammengetragen. Diese Rubrik erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit und alleinige Richtigkeit. Für Anregungen, Hinweise, Ergänzungen usw. bin ich deshalb jederzeit dankbar.
| Begriffe A/11 bis F | Begriffe G bis O | Begriffe P bis Z |
| 11 als Symbolzahl Es gibt eine Reihe von Zahlen, denen vonseiten der Religion eine besondere symbolische Bedeutung beigemessen wird. Die 11 gilt dabei als Zahl der Maßlosigkeit, der Sünde, als teuflische Zahl. Sie überschreitet nicht nur das, was anhand der zehn Finger menschlicher Hände, sondern auch in der Zahl der gottgegebenen "Zehn Gebote" fassbar ist. Der Bezug zur Fastnacht als einem Fest, bei dem es ausgelassen und nicht immer gerade sehr christlich zugeht, ist insofern leicht herzustellen. Darüber hinaus ist die 11 auch eine "Schnapszahl", die als solche Symbolzahl der Narren sein kann. Bei der Wiederbelebung des rheinischen Karnevals Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die 11 als Zahl interpretiert, die die Gleichheit aller Menschen unter der Narrenkappe versinnbildlicht, sozusagen eins neben eins. Dahinter steht der Anfangsbuchstabe E des Schlagwortes Egalité (Gleichheit), der zusammen mit den Anfangsbuchstaben der beiden anderen Parolen der Französischen Revolution, L für Liberté (Freiheit) und F für Fraternité (Brüderlichkeit), das Zahlwort ELF ergibt. Die Tatsache, dass die Fastnachtssaison am 11.11. eröffnet wird, hängt möglicherweise auch mit einem 40-Tage-Rhythmus zusammen, der im Jahreslauf zwischen bestimmten Festen regelmäßig auftritt. Vom 11. November, an dem auch St. Martin gefeiert wird, sind es genau 40 Tage bis zum Winteranfang, der zeitlich fast mit Weihnachten zusammenfällt. Am 11. November begann früher das 40tägige Weihnachtsfasten. Von Weihnachten an sind es wiederum 40 Tage bis zum Festtag Maria Lichtmeß (2. Februar), der zugleich im Kalender der frühest mögliche Termin für den Fastnachtsdienstag ist, den Vortag der Fastenzeit. Noch einmal trennen Fastnacht 40 Tage von Ostern, dem wiederum 40 Tage später Christi Himmelfahrt folgt. Nach einer anderen Deutung ist der 11.11. der Tag, an dem in früheren Zeiten die landwirtschaftlichen Betriebe ihre Arbeit bis zum Frühjahr einstellten. Knechte und Mägde bekamen an diesem Tag ihren Lohn ausgezahlt und feierten mit dem Geld ein ausgelassenes Fest. |
| Äla Im November 1935 wurde der Schlachtruf "Äla!" in Dieburg eingeführt. Bis dahin war es üblich, "Hoch!" oder "Hurra!" zu rufen. Im Rheinland war man damals dazu übergegangen, "Helau!" zu rufen. Da die Dieburger dies nicht nachahmen wollten, suchte und fand man in einem uralten Dieburger Fastnachtslied den Vers: "Die Äla, die Äla, die Äla unn die Gänsercher, die häwwe lange Schwänzercher" - und kürte daraus den Ruf "Äla!". |
| Äla-Uffweck-Owend Der Äla-Uffweck-Owend ist die traditionelle Auftaktveranstaltung am 11.11., also der Start in die Fastnachtszeit. In Dieburg treffen sich Vereinsfastnachter, Gunkespaar, Prinzenpaar, Garde und viel närrisches Volk (meist am Abend) am Fastnachtsbrunnen in der Stadt und "wecken die Fastnacht auf", verbunden mit einem Zeremoniell und einer anschließenden Saalveranstaltung o. ä. |
| Alaaf Die Kölner rufen "Alaaf". "Alaaf" kommt von "Cöllen al aff", was soviel wie "Köln über alles" bedeutet. Dieser Spruch wurde erstmals im 16. Jahrhundert vom Fürsten Metternich in einer Bittschrift verwendet. Im Karneval des 18. Jahrhunderts war "Köllen alaaf" Lob- und Trinkspruch mit der Bedeutung "Köln allein - die alte Stadt vorne an!" Bis vor etwa 20 Jahren hieß es immer: "Köllen alaaf!". Das "n" wurde danach weggelassen. |
| Aschermittwoch Der Aschermittwoch markiert im Christentum den Beginn des 40-tägigen Fastens und soll an die 40 Tage erinnern, die Jesus in der Wüste verbracht hat. Der Name kommt vom Brauch, die Asche von Palmen des Palmsonntags des Vorjahres zu weihen und die Gläubigen auf der Stirn mit einem Kreuz aus dieser Asche zu zeichnen. Asche ist das Symbol der Vergänglichkeit und das zentrale Symbol des Aschermittwochs. Mit dem Aschekreuz bekunden die Gläubigen die Bereitschaft zur Umkehr und zu einem Neubeginn. Der Aschermittwoch beendet zugleich die Karnevalszeit, in der ausgelassen gefeiert wurde. Die Fastenzeit soll die Christen wieder zu sich selbst führen. Wenn sie diese Zeit richtig nutzen, besser gesagt, vielleicht richtig leben, und sich auf das Angebot dieser Wochen einlassen, dann kann sich ih ihrem Leben manches verändern. Die Zeit vor Ostern will helfen den oft getrübten Blick wieder klarer werden zu lassen und vielleicht in einen ungesunden Halbschlaf verfallenes Bewußtsein wieder zu wecken und zu schärfen. Nach alten Überlieferungen soll der Teufel an Aschermittwoch aus dem Paradies vertrieben worden sein. |
| Bajazz Der "Bajazz" (auch Bajass) mit Laterne, eine der Traditionsfiguren des KVD und der Fastnacht allgemein, ist eine Art Clownsfigur, die vom Bajazzo des italienischen Volksspiels abstammt (ital. pagliaccio = 'Strohsack', 'Hanswurst'). Mitte des 19. Jahrhunderts gelangte die Figur (ähnlich wie auch der Domino, s.u.), inspiriert von der italienischen Stegreifkomödie, nach Süddeutschland und hielt später im Karneval Einzug. Mit seinem respektlosen Auftreten symbolisiert die Figur, vergleichbar mit Till Eulenspiegel, das Sich-Hinwegsetzen über die Obrigkeit und die kurzzeitige Freiheit einfacher Bürger. Der Bajazz trägt eine hohe Zipfelmütze, Halskrause und ein weites Gewand, oft in gelb und schwarz gehalten oder mit Rautenmuster, ähnlich dem Pierrot. |
| Bütt Die Bütt ist das Rednerpult des Vortragenden und quasi närrisches Hoheitsgebiet, auf dem er die vielzitierte Narrenfreiheit genießt. Bereits im Mittelalter hat der Narr Abweichungen von der Norm kritisiert. Ihrer Herkunft nach ist die Bütt ein halbes, nach hinten geöffnetes Weinfass: ohne Wein keine Fastnacht und bekanntlich soll im Wein ja auch Wahrheit liegen. Ein anderer Erklärungsversuch ist, die Bütt aus der Waschbütte, dem Waschfass abzuleiten. Im Karneval wird die schmutzige Wäsche in Form der Büttenrede gewaschen: Der Redner kritisiert in humorvollen Reimen Gesellschaft und Politik. Aber auch Gedanken an Diogenes, den griechischen Denker, der seine Philosophie aus einem Fass verkündete, liegen nahe. Vielleicht hat man deshalb im Laufe der Zeit der Bütt das Aussehen einer Eule, dem Vogel der Weisheit, gegeben. |
| Büttenrede Die Büttenrede geht auf alte Form des "Rügerechts" im Mittelalter zurück, wo der einfache Bürger in der Fastnachtszeit ungestraft seine Meinung sagen durfte. Bei Fastnachtssitzungen ist dies eine Symbolfigur der jeweiligen Gesellschaft (Protokoller, Till, ...) die aus der Bütt meist in gereimter Form komische Vorfälle, Unsinnigkeiten, Fehlverhalten und Missstände aus Gesellschaft, Kultur und Politik anklagt und mit diesen ins Gericht geht. Mit Beginn der organisierten Sitzungsfastnacht in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts sind die Büttenreden in der heutigen Form nachweisbar. |
| Domino Eine der ältesten, bekannten Fastnachtsverkleidungen, die in ihren Grundzügen (wie auch der Bajazz) aus der italienischen Stegreifkomödie stammt, im 18./19. Jahrhundert von dort nach Süddeutschland gelangte und Eingang in den Karneval fand. Ein Domino ist ein wadenlanger, schwarzer, meist seidener Umhang mit aufrecht stehender Kapuze. Dazu trägt man eine schwarze, samtene Halblarve mit schwarzem Tuch. Es soll einen besseren Herren darstellen. Ursprünglich gehörte der (bzw. das) Domino zur Kleidung italienischer Geistlicher. Ab dem 16. Jahrhundert wurde er jedoch auch häufig als verhüllende Verkleidung gebraucht, wenn man heimlich zu einem Rendezvous ging. Sowohl das Kleidungsstück selbst, als auch sein Träger bezeichnete man damals als 'domino' (von lat. dominus = Herr). |
| Elferrat Soll auf die französische Revolution zurückgehen. Er stellte ursprünglich eine Persiflage auf die Revolutionstribunale dar und sollte in der Zeit der Besetzung des Rheinlandes Forderungen als Narreteien aufzeigen. Seinen Namen soll der Elferrat von der Abkürzung "ELF" für egalité, liberté, fraternité", dem Motto der französischen Revolution, haben. |
| Fastnacht (Fasnet, Fasching,
Karneval) Der Name Fastnacht bezeichnet ursprünglich nur den Dienstag vor Aschermittwoch. Im Zuge der Sprachentwicklung wurde er jedoch auf die ganze Festzeit übertragen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Festen trägt das Kalenderfest unmittelbar vor der Fastenzeit verschiedene Namen. Die üblichen Begriffe im Hochdeutschen sind Fastnacht, Fasching und Karneval. Darüber hinaus gibt es je nach regionalem Dialekt aber auch Ableitungen und Sonderformen wie zum Beispiel "Fasnacht", "Fassenacht" oder die alemannische "Fasnet". Das Wort Karneval, das sich im Spätmittelalter über verschiedene Zwischenformen herausgebildet hat, hat seine Wurzeln in der lateinischen Sprache. Es setzt sich zusammen aus den Wörtern "caro" (Fleisch) und "elevare" (aufheben). Der Name Karneval bedeutet also nichts anderes als die "Aufhebung" oder die "Wegnahme des Fleisches". Er verweist damit auf die bevorstehende Fastenzeit, in der zumindest in früherer Zeit der Verzicht auf Fleischnahrung neben sexueller Enthaltsamkeit im Vordergrund stand. Nicht nur in Deutschland begegnet man der Bezeichnung Karneval für die närrischen Festtage. Man findet sie mit geringfügigen Abweichungen im ganzen romanischen Sprachraum. Das deutsche Wort Fastnacht hat seine sprachgeschichtliche Herkunft aus dem Wort Fasten und nimmt damit ebenso Bezug auf die bevorstehende Fastenzeit wie die Bezeichnung Karneval. Im engeren Sinne nur auf den Dienstag vor Aschermittwoch bezogen, ist mit Fastnacht der Vortag bzw. der Vorabend zur Fastenzeit gemeint, der auf die kommende Periode einstimmen soll. Auch andere christliche Feste werden traditionell am Abend vorher eingeleitet wie z. B. Weihnachten durch Heiligabend. |
| Fastnachtsdienstag Der Fastnachtsdienstag bildet den Abschluß der närrischen Tage. Er wird daher auch in manchen Gegenden "Kehraus" genannt. Gebräuchlich sind aber auch Namen wie "Narrenfastnacht", "Laienfastnacht" im Gegensatz zur "Pfaffenfastnacht" am Sonntag oder auch "rechte Fastnacht". In einigen ländlichen Regionen wurde er früher auch "Schnitzdienstag" genannt, weil die bäuerliche Mahlzeit an diesem Tag aus gedörrten Birnenschnitzen und Speck bestand. Am Fastnachtsdienstag wird noch einmal kräftig gefeiert. In manchen Orten findet erst an diesem Tag der Fastnachtsumzug statt: Dieburg - na klar :-) In einer zunehmend säkularisierten Umwelt wird der Dienstagabend heute kaum noch als Vorabend zu Aschermittwoch und damit als Eintritt zur Fastenzeit empfunden, sondern eher als Ende einiger schöner, lustiger Tage. Man feiert daher bis spät in die Nacht. In früheren Zeiten wurde seitens der Kirche Wert darauf gelegt, dass bis 24 Uhr das Fastnachtstreiben beendet sein musste. Weit mehr als heute verbreitet waren daher auch sogenannte Fastnachtsabschlussbräuche. In einigen Gegenden haben sie sich aber noch bis heute erhalten. Fastnachtsabschlussbräuche gab und gibt es vor allem dort, wo eine Symbolfigur der Fastnacht existiert. Am Fastnachtsdienstag gilt es, sich ihrer zu entledigen. Sie wird daher öffentlich verbrannt oder in einer "feierlichen" Zeremonie zu Grabe getragen. Die Fastnachter und Narren tragen dabei häufig ein äußeres Zeichen der Trauer wie schwarzer Schleier, schwarzer Hut oder Zylinder oder Kränze. Die Trauer selbst ist selbstverständlich nur gespielt. Eine interessante Variante der Begräbniszeremonie ist das Begraben des Geldbeutels oder die Geldbeutelwäsche als Säuberungs- und Läuterungsaktion. Zu den sonstigen Abschlußbräuchen gehört die Rückgabe des Narrenrechts bzw. die Beseitigung von Rechtszeichen. Dazu gehört zum Beispiel die Rückgabe des Rathausschlüssels. Dort, wo ein Narrenbaum gesetzt wurde, wird er am Fastnachtsdienstag gefällt oder versteigert.. |
| Fastnachtsfarben (rot-weiß-blau-gelb bzw.
rot-weiß-grün-gelb) Die vier Fastnachtsfarben rot-weiß-blau-gelb sind schon seit den ersten Fastnachtsjahren in Mainz nachweisbar, ohne dass man Herkunft und Bedeutung der Farben genau kennt. Dort soll im Jahre 1840 ein Büttenredner seine Narrenkappe in den Saal geschwenkt und dazu gereimt haben: "Weiß ist die Reinheit unserer Absicht, dein gelb ist das Sonnengold unserer Herzen, dein rot ist die Feuerfarbe unserer Gedankenbilder, dein blau ist der Azurhimmel unserer Freudigkeit." Es war dies eine poetisch-romantische Beschreibung mit momentanem Unterhaltungswert, aber ohne jeden realen Bezug. Eine durchaus interessante Deutung weist auf die Trikolore der französichen Revolution mit den Farben blau-weiß-rot hin, die um die Farbe gelb erweitert wurde. Bekanntlich wurden die ersten Narrenkappen nach dem Vorbild der Jakobinermütze gefertigt, die eine Kokarde in den Farben blau-weiß-rot aufwies. Gelb könnte als alte Kirchenfarbe oder als eine der Farben, die im Kostüm der Clowns und Harlekine dominierten, eingebracht worden sein. Übrigens: Wichtig für den Fastnachter ist, dass Blau in dem Vierfarbbanner enthalten ist, denn kaum ein anderes Wort reimt sich besser auf Helau. Der Umstand, dass andernorts - so auch in Dieburg - grün anstatt blau Verwendung findet, lässt sich nicht genau begründen. Dies geschah wohl aus der Überlegung, eine gewisse Eigenständigkeit zu erzeugen bzw. um sich von der Fastnacht im Rheinland etwas abzugrenzen. |
| Fastnachtssitzungen/Fremdensitzungen Aus den Erkenntnissen der französischen Revolution entwickelte sich zunächst im Rheinland Anfang des 19. Jahrhunderts Sehnsucht und Streben nach Freiheit um Mitbestimmung. Was im Staat zu dieser Zeit jedoch nicht möglich war, realisierte man daher ab "parlamentarischen Monarchie" mit Wahlrecht und Mitbestimmung für alle Vereinsmitglieder. Als närrische Herrscherfigur wurde ein Karnevalsprinz gewählt, dem Garde und Kabinett in Form eines Elferrates zur Seite standen. |
| Zu Karnevalsbeginn und während der Kampagne fand man sich zusammen, wo vereinsinterne Dinge geregelt, Umzüge geplant, aber auch heitere Darbietungen geboten wurden. Vereinsinterne Damen- und Herrensitzungen wurden abgehalten. In der Zeit zwischen 1920 und 1930 (bezogen auf Dieburg) öffneten sich die Vereinskarnevalisten dann der breiten Bevölkerung und luden zu den ersten "Fremdensitzungen". |
Fastnachtstermin Noch bis ins 16. Jahrhundert existierten beide Fastnachtstermine, die alte "Bauernfastnacht" und die neue "Herren-" bzw. "Pfaffenfastnacht" konkurrierend nebeneinander. Heute ist es oft so, dass katholische Gegenden die Fastnacht vor dem Aschermittwoch, protestantische Gegenden nach dem Aschermittwoch feiern. Insbesondere im badischen Raum als auch in der Schweiz haben sich viele Bräuche der alten Fastnacht erhalten. Am bekanntesten davon ist sicherlich die Basler Fastnacht. Diese beginnt am Montag nach Aschermittwoch um 4.00 Uhr mit dem sog. Morgenstraich und endet am folgenden Morgen, ebenfalls um 4.00 Uhr. |