Die fünfte Jahreszeit

Dieburger Fastnacht – das Wichtigste im Überblick

Fastnacht hat in Dieburg eine lange Tradition. Dass es hier schon vor über 500 Jahren närrisches Treiben in der Stadt gab, schließt man aus einer Urkunde, der ältesten erhaltenen Stadtrechnung aus dem Jahr 1508. Diese berichtet schon von dem Festessen, das am „Eschtage“, am Aschermittwoch – denn die Fastenzeit begann erst am darauffolgenden Sonntag – gegeben wurde. Im großen Rathaussaal bewirtete die Stadt ihre Gäste am Mittag mit einem „Ymbs“ (Imbiss). Auf den Tischen prangte das Silbergeschirr, geziert mit dem Stadtwappen. Aus silbernen Kannen floss der Wein durch die Kehlen der trinkfesten Stadtväter. Ein ganzer Schoppen kostete zwei bis drei Pfennig. Und gut gewesen muss er sein, sonst hätte man ihn nicht dem höchsten Beamten der Stadt, dem kurfürstlichen Oberamtmann, der unter den Gästen war, vorgesetzt. Soweit dazu.

Den Beginn der Dieburger Fastnacht nun auf das Jahr 1508 festsetzen zu wollen, trifft die Sache nicht so ganz, denn in der Stadtrechnung heißt es ausdrücklich „von alters her“. Es handelt sich also um ein altes Brauchtum, das noch viel weiter zurückreichen muss.

Den meisten Dieburgern sind Historie, Eigenheiten und Veranstaltungen der Fastnacht natürlich bestens vertraut. Diese Seite ist daher dazu gedacht, Neueinsteigern einen Überblick zu geben. Ergänzende Infos für besonders Wissbegierige finden sich auch in meinem Narren-Lexikon.

Der KVD – Karnevalisten mit Erfahrung und Engagement

KVD

Treibende Kraft in Sachen Fastnacht ist der Karnevalverein Dieburg 1838 e.V. (KVD). Mit derzeit etwa 1800 Mitgliedern gilt er als größter (mitgliederstärkster) Karnevalverein Deutschlands im „Bund Deutscher Karneval“. Der Verein gliedert sich in zahlreiche Abteilungen und kann auf einen großen Stamm erfahrener Karnevalisten zurückgreifen, die Jahr für Jahr mit großem Engagement zahlreiche Veranstaltungen der Saal- und Straßenfastnacht bestreiten (siehe auch unten). Großen Raum nimmt im KVD auch die Arbeit mit dem närrischen Nachwuchs ein, um die sich das Kinderkomitee kümmert.

Der Verein freut sich natürlich jederzeit über neue Mitglieder. Eine Beitrittserklärung findest du auf der Website des KVD in der Rubrik „Vereinszugehörigkeit“.

Dieburger Prinzengarde

Seit 1950 fester Bestandteil des Fastnachtsgeschehens ist die Dieburger Prinzengarde, die als eigenständiger Verein dem KVD angegliedert ist und sich der Pflege und Förderung des närrischen Brauchtums verschrieben hat. Verstärkt werden die uniformierten Gardisten durch die Damengarde mit Tanzmariechen, Marketenderinnen sowie die Ehrengarde, die sich aus verdienten Gönnern rekrutiert. Ihren Nachwuchs hegt und pflegt die blau-weiße Truppe in ihrer Kinder- und Jugendgarde, denn das Zusammensein der Generationen ist der Prinzengarde sehr wichtig.

Eigener Narren-Ruf und eigene Lieder

Charakteristisch für die Karnevalshochburg Dieburg ist der eigene närrische Ruf „Dibborsch Äla!“, der 1935 eingeführt wurde und ein Lockruf für Gänse gewesen sein soll. „Während ringsum im karnevalstischen Treiben der Schlachtruf „Helau!“ erklingt, hört man in Dieburg ein bodenständiges „Äla!“. Entnommen ist dieser Ruf einem Dieburger Fastnachtslied, dessen Ursprung schon weit zurückliegen muss, denn die ältesten Einwohner haben es in der Jugend von ihren Vorfahren erlernt“, schrieb Protokoller Valentin Karst dazu 1949 in der Dieburger Karnevalzeitung.

aelafetzer

Ebenso eigen sind die vielen Fastnachtsschlager, die seit 1949 Jahr für Jahr von Komponisten und Textern geschaffen wurden und praktisch jeder Karnevalist im Schlaf trällern kann. Viele dieser Lieder sind echte Ohrwürmer geworden, ohne die hier keine Fastnachtsveranstaltung denkbar ist: „Unser Herz schlägt für die Fassnacht“ (1987), „Mir sinn heit fit, wie die Forellscher“ (1988), „Das Fest der Feste“ (1992) und „Äla ist unser Leben“ (1998) sind sicher die bekanntesten.

Einige werden auch bei anderen Gelegenheiten das Jahr über gespielt und gesungen – allen voran „Dieborsch, Dieborsch üwwer alles …“, das Dieburger „Nationallied“ oder auch „Wann’s Fassnacht iss …“, ein Potpourri nach alter Überlieferung.

Die Zahl der Schlager wächst ständig. Über 100 eigene Lieder gibt es mittlerweile. Wer sich näher damit beschäftigen möchte, dem sei das KVD-Buch „Lieder zur Dibboijer Fassnacht“ empfohlen. Mehrere Musik-CDs sind ebenfalls erhältlich und sollten in keiner Sammlung fehlen.

Fußgruppen prägen Bild der Umzüge

Neben dem KVD ist die Dieburger Fastnacht ganz besonders auch für ihre privaten Fußgruppen bekannt. Und das schon seit eh und je. Rund 75 Gruppen gibt es derzeit (Stand März 2016), die durch einfallsreiche Kostüme das bunte Erscheinungsbild der Umzüge prägen. Das Jahr über trifft man sich regelmäßig zur Ideenfindung, zum Schneidern von Kostümen oder zum Wagenbau und natürlich kommt auch das Feiern nicht zu kurz. Zum Thema „Fastnachtsgruppen“ habe ich eine gesonderte Seite erstellt. Weiterlesen …

Sitzungen und Straßenfastnacht

Den Auftakt zur fünften Jahreszeit bildet der sog. „Äla-Uffweck-Owend“ am 11.11., eine Art Zeremoniell am Fastnachtsbrunnen in der Innenstadt, bei dem sich die Narrenschar – meist am Abend – versammelt und die Fastnacht „aufweckt“. Der Fastnachtsbeginn wird begleitet von einer gesonderten Saal- oder Freiluftveranstaltung.

KVD-Sitzung (Foto: Paddy Liste)

In jeder Kampagne veranstaltet der KVD mehrere Fastnachtssitzungen, die regelmäßig ausverkauft sind. Der Vorverkauf beginnt meist schon im September. Außerdem gibt es für den närrischen Nachwuchs zwei Kinder-Fastnachtssitzungen. Diese Veranstaltungen finden in der Römerhalle statt.

Ausgelassene Stimmung herrscht stets bei der Straßenfastnacht an Fastnachtsamstag und Rosenmontag in der gesamten Innenstadt, wenn die Narrenschar durch die Straßen zieht und viele Fastnachtskneipen in Hinterhöfen, Kellergewölben und Scheunen geöffnet sind.

Abholung des Prinzenpaares – Spektakel mit Kultstatus

Empfang des Prinzenpaares am Bahnhof (2015)

Ganz besondere Tradition haben die Prinzenpaare des KVD. Prinz und Prinzessin werden von einem kleinen Vereinsgremium, dem „Prinzenkomitee“, ausgesucht und bleiben – anders als in anderen Narrenhochburgen – zunächst streng geheim. Gelüftet wird das Geheimnis alljährlich erst am Fastnachtsonntag um 14.11 Uhr beim „Prinz abholen“ am Bahnhof – ein überaus spannendes und unterhaltsames Spektakel, das Kultstatus besitzt. Zahllose Legenden ranken sich um dieses Procedere. Im Anschluss wird das neue Prinzenpaar zur Proklamation zum Stadtschloss Fechenbach geleitet. Laut den ungeschriebenen Regeln des KVD soll der Prinz verheiratet sein, die Prinzessin ledig.

Zudem gibt es ein Kinder-Prinzenpaar, das bereits an der ersten Kinder-Fastnachtssitzung präsentiert wird und bis dahin ebenfalls geheim bleibt.

Äla-Nacht, Holzisch Latern und Wirtschaftstour

Die Holzisch Latern des KVD

Zu Ehren des Prinzenpaares veranstaltet der KVD am Fastnachtssonntag das „Fest der Feste“, die „Äla-Nacht“, eine große musikalische Saalveranstaltung mit Stimmung, Tanz und vielseitigem Programm.

Am Rosenmontag laden dann Stadt Dieburg und KVD zum „Närrischen Empfang“. Hierbei verleiht der KVD seine höchste, externe Auszeichnung, die „Holzisch Latern“. Sie würdigt das Engagement von Personen oder Gruppen, die sich in besonderer Weise um Brauchtum oder Mundart verdient gemacht haben oder denen „sonst irgendwie ein Licht aufgegangen ist“. Viele bekannte Persönlichkeiten zählen zu den Preisträgern.

Am Rosenmontag begibt sich das Prinzenpaar samt Hofstaat traditionell auf die Wirtschaftstour durch die vielen Gaststätten und Kneipen der Stadt.

Höhepunkt großer Fastnachtsumzug – Kinderumzug für den Nachwuchs

Unbestrittener Höhepunkt ist der große Umzug am Fastnachtsdienstag. Etwa 3000 Teilnehmer aus KVD, Fastnachtsgruppen, Musikformationen und anderen Gruppierungen kommen dabei zusammen und bilden mit 111 Nummern den größten und schönsten Umzug in Südhessen.

Dieburger Kinderfastnacht (Foto: Claus Heinz)

Bereits eine Woche vor den tollen Tagen findet der Kinder-Fastnachtsumzug statt, ein buntes Spektakel mit kleinen und großen Narren aus Kindergärten, Schulen und Vereinen sowie vielen Fastnachtsgruppen.

„Fastnachtsunterstützer“ schauen die Umzüge übrigens nie „ohne“ an, nämlich nie ohne Zugplakette – von den Dibboijern liebevoll „Zuuuchplakettche“ genannt. Zu diesem kleinen aber dennoch sehr wichtigen Anstecker findest du bei mir eine gesonderte Seite mit einer Galerie aller Zugplaketten.

Offizieller Abschluss der Kampagne ist die Fastnachtsbeerdigung im Zeughaus des KVD, die einige Tage nach Aschermittwoch stattfindet.

Einen ausführlichen Rück- und Ausblick auf das närrische Geschehen gibt die „Dieburger Karnevalzeitung“ (DKZ), die der Verein zum Jahreswechsel herausgibt und quasi Pflichtlektüre ist. Sie wird im Einzelhandel sowie im Haus-zu-Haus-Verkauf angeboten und erfreut seit Jahrzehnten viele treue Stammleser.

Zum Anlass „500 Jahre Dieburger Fastnacht“ hat der KVD 2008 ein Buch (159 Seiten) herausgegeben. Es bietet zu einer Vielzahl von Themen detaillierte und zugleich unterhaltsame Informationen und ist beim KVD oder im Bücherhandel erhältlich.

Weitere Informationen findest du auch unter www.karnevalverein-dieburg.de und bei der Dieburger Prinzengarde unter www.priga.de.

 

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