Eric Scherer auf "fck-blogwart"

„In ‚Narrenblut‘ ist so ziemlich gar nichts erfunden“ – Interview mit Autor Eric Scherer

Nein, in diesem Beitrag geht es nicht um Fußball, auch wenn das Artikelfoto den Anschein erweckt. Es geht um Autor Eric Scherer (Foto) und seinen Kriminalroman, der Teil meiner Buchaktion wird. Woher stammt die Idee dazu? Was macht eine gute Lektüre aus?

Zu den Büchern meiner im Mai 2017 begonnenen Fastnachtskrimi-Aktion gehört auch „Narrenblut – Eine mörderische Fastnachtsposse“ des Mainzer Autors Eric Scherer (Foto). Bereits 2003 ist das Buch im Frankfurter Societätsverlag erschienen. Sog. „Regionalkrimis“ boomten damals, der Roman wurde als solcher vermarktet. Auf dem anvisierten Markt in Mainz und Umgebung war „Narrenblut“ recht erfolgreich, der Verlag legte das Werk sogar noch einmal als Taschenbuch auf.

Es beruht auf Erlebnissen des Autors als für Fastnacht zuständiger Redakteur bei der Mainzer Rhein-Zeitung in den Jahren 1991 bis 1996. Sein geballtes Wissen über Garden, Traditionsvereine, Büttenredner und quasi-mafiösen Strukturen der Fastnacht beschreibt er in dem Buch. Wer denkt, Fastnacht sei immer lustig, wird dabei eines Besseren belehrt: eine im wahrsten Sinne des Wortes todernste Angelegenheit.

Im Rahmen meiner Krimi-Aktion hat sich Nadja Hofmann aus Münster für dieses Buch entschieden. Der Klappentext habe sie angesprochen und ihr Interesse geweckt, sagt sie. Mitte Februar beginnt sie mit der Lektüre und stellt anschließend hier ihre Eindrücke vor.

Nadja war über 11 Jahre hier bei Sitzungen und Umzügen mit einer Gruppe aktiv und arbeitet mittlerweile seit vielen Jahren in Köln. Sie kennt nicht nur die Fastnachtshochburg dort sehr gut, sondern hat auch eine große Zuneigung zu Mainz, wo sie, wie auch in den anderen genannten Städten, als ehrenamtliche Rettungssanitäterin an den tollen Tagen im Einsatz ist.
 
Ähnlich wie in Dieburg, sagt sie, gibt es auch im Buch nur einen Mainzer Karnevalverein, dem fast alle angehören. In Köln gibt es den Klüngel und auf den Mainzer Krimi „Narrenblut“ ist sie deshalb sehr gespannt.

Bei meiner Suche nach geeigneten Büchern für die Leseaktion hat „Narrenblut“ auch mich ganz besonders angesprochen. Ich habe Scherer daher zu seinem Werk und der Arbeit als Autor befragt…

Herr Scherer, wie finden Sie die Ideen für Ihre Geschichten?

„Ich bin als Lokalreporter großgeworden, also kann die Antwort da nur lauten: Die Themen liegen auf der Straße. Manchmal stehen sie auch in der Zeitung. Das Geschäftsmodell meiner Hauptfigur aus „Der Heldenmacher“ etwa stammt aus einer dpa-Meldung.

Wie kam Ihnen die Idee zu „Narrenblut“?

„Ich habe bei der Mainzer Rhein-Zeitung jahrelang die Mainzer Fastnachtsberichterstattung betreut. Als ich so um die 40 Jahre alt war, wollte ich mal einen Roman schreiben, und auf dem Büchermarkt kam gerade die Lokalkrimi-Welle ins Rollen. So kam eins zum anderen“.

Haben Sie manches aus Ihren Büchern schon selbst erlebt?

„Ganz ehrlich: In „Narrenblut“ ist so ziemlich gar nichts erfunden. Nur hier und da von mir verschleiert und übertrieben worden. Oder drücken wir‘s vornehm aus: camoufliert und pointiert“.

Wie lange brauchen Sie, um ein Buch zu schreiben?

„Schwer zu sagen, da ich ja immer noch jede Menge andere Aufgaben zu erledigen habe, kommt die Arbeit an so einem Buch dann mal wieder über Monate zum Liegen. Wenn ich so einen Roman hintereinander weg schreiben könnte, würde ich sagen: Sechs Monate, vielleicht ein Jahr“.

Ich könnte mir vorstellen, wenn man als Autor einen gewissen Bekanntheitsgrad hat, kommen Leute sicher mit Ideen für Bücher und Figuren auf einen zu, oder?

„Och, das ist bei mir eigentlich selten der Fall. Vielleicht liegt es auch an meinem gut ausgesuchten Freundeskreis, dass ich dergleichen kaum erlebe“.

Haben Sie als Kind gerne Aufsätze in der Schule geschrieben? Wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere, waren mir Aufsätze immer ein Graus. Dafür konnte ich bei Diktaten immer mit sehr guten Noten glänzen. Wie war das bei Ihnen?

„Ich fürchte, bei mir trifft das Klischee voll zu. Ja, Deutsch war mein Lieblingsfach, und ja, Aufsätze habe ich am liebsten geschrieben. Diktate? Na ja…“

Wie machen Sie aus Figuren echte Persönlichkeiten? Nehmen Sie reale Personen als Vorbilder?

„Ja, schon. Fast jede meiner Figuren geht auf ein reales Grundmodell zurück, das ich allerdings weiterentwickle und natürlich auch viel dazu erfinde, denn welchen Menschen kennt man schon wirklich in allen Facetten? Ich glaube, die wenigsten meiner ausgewählten Grundmodelle werden sich in der Romanfigur wiedererkennen, und das ist auch gut so. Der impertinente Herr Knoll, der als nervender Sidekick sowohl in „Narrenblut“ als auch in „Der dicke Mann und das Meer“ unterwegs ist, entspricht seiner Vorlage allerdings 1:1. Was für seine realen Mitmenschen schlimmer sein dürfte als für ihn selbst“.

Was macht ein gutes Buch aus? Und was unterscheidet einen guten von einem schlechten Autor?

„Schwer, dies kurz und knackig zu beantworten… Wenn mich das Thema packt und es gut aufbereitet ist, achte ich weniger auf den Stil. Will mich ein Autor für etwas interessieren, zu dem ich eher wenig Zugang habe, muss er schon sehr gut formulieren können. Anschaulich ausgedrückt: Wenn einer in einer an sich einfachen, aber packenden Geschichte und in klaren knappen Sätzen nicht mehr und nicht weniger als das große Ganze abhandelt, wie es Hemingway mit „Der alte Mann und das Meer“ gelungen ist, finde ich das einfach nur genial. Geschichten aus einer Münchner Mietskaserne in den Nachkriegsjahren könnten mich normalerweise nicht so interessieren, aber so, wie es Sigi Sommer in „Und keiner weint mir nach“ tut, begeistert es mich voll und ganz. Durch „Revolutionen auf dem Rasen“ finde ich aber auch hindurch, obwohl mich Jonathan Wilson literarisch weniger begeistert, aber Fußball ist halt mein Ding“.

Welches Buch lesen Sie gerade? Oder was lesen Sie generell gerne?

„Da ich gerade in Thailand und Myanmar unterwegs bin, befasse ich mich mit Arbeiten großer Kollegen über Asien. Lese alte Reportagen von Tiziano Terzani und „Das Geheimnis des alten Mönchs“ des ehemaligen „Stern“-Korrespondenten Jan-Philipp Sendker. „Bangkok Rhapsody“ von Thomas Einsingbach, einem gebürtigen Mainzer übrigens, habe ich bereits hinter mir. Handwerklich gut gemachter Thriller, der internationale Vergleiche nicht scheuen braucht, auch inhaltlich mit einigen guten Ideen“.

Wie ist eigentlich ihr Schreibtisch eingerichtet?

„Ich arbeite mit einem Apple mini und einem großen Bildschirm, auf dem ich neben meinem Schreibprogramm immer noch ein paar Fenster mehr geöffnet haben kann, um mein Recherchematerial einsehbar zu halten. Interviews führe ich mittlerweile ausschließlich mit IPod, das ich beim Schreiben per Kopfhörer abhöre. Für einen 55-jährigen präsentiere ich mich also reichlich digitalisiert. Ist aber reiner Pragmatismus, die chaotische Zettelwirtschaft um mich herum ist weitgehend verschwunden. Will sagen: Mein analoger Schreibtisch ist ziemlich aufgeräumt, der „Desktop“ auf meinem PC weniger“.

Von 2011 bis 2016 waren Sie Chefredakteur der Mainzer „Narrhalla“, der ältesten deutschen Karnevalzeitung, so konnte ich es Ihrem Lebenslauf entnehmen. Danach findet man Sie als fck-blogwart im Internet, einer sehr ausführlichen Website, die sich nur um den 1. FC Kaiserslautern dreht. Haben Sie die Fastnacht an den Nagel gehängt und sich seither komplett den „Roten Teufeln“ verschrieben?

„Den Roten Teufeln „verschrieben“ bin ich als Pfälzer quasi von Geburt. 2016 war ich es leid, für die Rhein-Zeitung Koblenz nur alle paar Wochen was über meinen Herzensverein schreiben zu können, und da ich mal Erfahrung als Blogger sammeln wollte – mir vor allem mal eine eigene Meinung bilden wollte, wie sich Leser im Internet verhalten – habe ich dann meinen persönlichen FCK-Blog eingerichtet. Und nach einem Jahr war die „Allgemeine Zeitung“ so freundlich, ihn ein wenig unter ihre Fittiche zu nehmen. Die Fastnacht habe ich nicht unbedingt an den Nagel gehängt. Nur, wenn man eine Zeit lang beruflich bis zu 20 Sitzungen pro Kampagne besucht hat, ist es irgendwann auch mal gut. Hin und wieder eine Sitzung besuchen und an Rosenmontag mit Freunden den Zug besuchen und feiern, das geht aber schon noch. Das Chefredakteursamt einer Zeitung fünf Jahre lang auszuüben, halte ich für einen angemessenen Zeitabschnitt, nach dem man sich gerne wieder Neuem zuwenden kann. Ich muss nicht an jedem Sessel kleben, bis die Schmeißfliegen um mich herumschwirren. Es gibt noch etliche andere Themen, mit denen ich mich befasse, mal, weil‘s mich persönlich interessiert, mal, damit der Schornstein raucht“.

Was machen Sie in der Fastnachtszeit? Wie nehmen Sie daran teil?

„Ich versäume in keiner Kampagne, eine Sitzung der „Meenzer Drecksäck“ zu erleben, dem immer noch schrägsten Mainzer Fastnachtsverein. Auch beim Gonsenheimer Carneval-Verein (GCV) bin ich gerne mal zu Gast – das ist nach wie vor der kreativste unter den etablierten Vereinen. An Rosenmontag geht‘s auf den Zug. Zu einem Besuch der Gonsenheimer „Stehung“ lasse ich mich ebenfalls gerne mal überreden“.

Ganz kurz: Drei Worte, die Sie am besten beschreiben?

„Ich würde niemals anderen Leuten beschreiben wollen, wie sie mich sehen sollen. Daher habe ich gerade meine Frau gebeten, mich mit drei Worten zu beschreiben. Sie begann mit: „Schlampig…“ Darauf unterbrach ich sie und sagte, dies sei für ein Interview, das veröffentlicht werden soll, und sie antwortete nach einigem Überlegen: „Schlampig, humorvoll, sinnenfroh.“ Ich hab sie dazu nicht genötigt, ehrlich nicht“.

Letzte Frage: Welche Ratschläge können Sie jungen bzw. angehenden Autoren mit auf den Weg geben?

„Ganz klassisch: Guck dir ein Medium aus, das dir zusagt, versuch da, ein Praktikum zu ergattern – und dann guck mal, wie es weitergeht. Aber nicht zu lange, denn viele Medien lassen ihre Praktikanten heute am langen Arm verhungern, um nicht zu sagen: Sie beuten sie als billige Arbeitskräfte aus, bis sie die Lust verlieren, und dann werden sie gegen die nächsten ausgetauscht. Vielleicht ist es mittlerweile ein ganz guter Zock, erst einmal mit einem eigenen Blog im Internet auf sich aufmerksam zu machen – und dabei irgendwie dafür zu sorgen, dass die richtigen Leute ihn lesen. Ganz wichtig: Wenn man mit dem Schreiben anfängt, sollte man nicht unter Druck stehen, damit unbedingt Geld verdienen zu müssen – denn dann kann es leicht geschehen, dass man schnell am Hungertuch nagt. Also vielleicht erst mal was anderes lernen – dümmer wird man davon nicht. Garantiert“.

Zur Person

Eric Scherer, Jahrgang 1962, wohnhaft in Mainz. Freier Mitarbeiter bei der „Allgemeinen Zeitung Mainz“, zuvor zahlreiche berufliche Stationen, auch im Chefredakteursamt, und Mitarbeit an verschiedenen Publikationen. Bietet journalistische und redaktionelle Arbeiten aller Art und für jeden Themenbereich. War zeitweise Chefredakteur der „Narrhalla“, der ältesten deutschen Fastnachtszeitung.

Erstlingswerk ist „Narrenblut“ (2003), danach „Der Heldenmacher“ (2005) und „Der dicke Mann und das Meer“ (2013). Seit 2007 verschiedene weitere Romane unter einem Pseudonym. Betreiber und Autor von „fck-blogwart.de“, einem Blog über den 1. FC Kaiserslautern. Ist FCK-Fan von Geburt an und seit 1975 bei allen Heimspielen dabei, auswärts hin und wieder.

Das Interview wurde wegen Auslandsaufenthalt des Autors Mitte Januar per E-Mail geführt.

(Foto: Claudia Wichardt)

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