Jens Dörr liest "Kölner Samba"

„Kölner Samba“ – Buchvorstellungen (3)

Ab Mai 2017 rezensieren Leser jeweils zum 11. eines Monats einen fastnachtlichen Krimi auf dieser Website. Heute Jens Dörr (Foto) und „Kölner Samba“.

Buchdaten

Kölner Samba
Autor: Werner Geismar
Gardez Verlag
Erscheinungsjahr 2010
230 Seiten
ISBN 978-3897962187
Erhältlich in der Stadtbibliothek Dieburg: Krimi-Regal, ZK/63 936 Geis

Inhalt

Bruno Böllmann stürzte zu Boden. Er hörte das bösartige Zischen von Shaka, der Schlange, die sich immer fester um seinen Leib wickelte. Er bekam sie hinter dem Kopf zu fassen und drückte sie von seinem Körper weg. Sie zog ihre Muskeln zusammen und Bruno spannte seine an. Der Schlange war es gelungen, ihren Kopf aus Brunos Griff zu befreien. Sie züngelte und öffnete das Maul weit. Brune bekam die Schlange, als ihr Kopf vorstieß, wieder zu packen. Er drückte den Kopf der Schlange zurück. Aber Shaka verstärkte den Muskeldruck auf seinen Brustkorb. Er spürte einen stechenden Schmerz und erwartete das Knacken, mit dem seine Rippen brachen …

Der Straßenkarneval in Köln zeigt dem Anwalt Bruno Böllmann sein anderes Gesicht: Mord und Totschlag, eine Leiche, die spurlos verschwindet, und den Tod seiner Katze. Als er das Gefühl hat, dass ihn sein Freund und Chef der Mordkommission nicht ganz ernst nimmt, ermittelt er auf eigene Faust und gerät in die dunkle Welt der afrobrasilianischen Kulte, die seine gutbürgerliche Anwaltswelt aus den Fugen geraten lässt. Aus Jägern werden Gejagte und ein unerbittliches Schicksal scheint sich an Bruno Böllmann zu erfüllen.

Werner Geismar erzählt einen Multi-Kulti-Krimi, der seine Spannung aus dem Aufeinandertreffen zweier Welten gewinnt: dem Frohsinn des Kölner Karnevals und den dunklen Geheimnissen des afrobrasiliansichen Umbanda-Kultes. Atemlos, pulsierend und voller Sprachwitz.

Über den Autor

Werner Geismar, Jahrgang 1945, lange Jahre einer der Chefredakteure eines Großverlags, lebt und arbeitet als Autor, Lektor und Konzeptioner für Werbeagenturen in Remagen. Er hat Kinder- und Jugendbücher, Kriminalromane und Kurzgeschichten veröffentlicht, schreibt Drehbücher für Film und Fernsehen und bezeichnet sich selbst als „Medienmensch“. Seine Liebe gilt der brasilianischen Literatur und ihren großen Erzählern.

(Quelle: Gardez Verlag)

Buch gelesen und bewertet von Jens Dörr

„Äla und Gude! Ich heiße Jens Dörr, bin als Silvesterkind gerade noch Baujahr 1983 und waschechter Dibboijer. Meine Kröten verdiene ich als selbstständiger Journalist und Pressefotograf im Auftrag diverser Tageszeitungen, Wochenblätter, Magazine und Online-Medien (siehe auch www.jensdoerr.com). Wenn es mir gelungen ist, ein paar Euro in die fünfte Jahreszeit zu retten, bringe ich die besonders gern auf der Dieburger Straßenfastnacht unters Volk. In der allzeit-närrischen Fastnachtsgruppe Boozemänner habe ich beim großen Umzug bis 2015 zudem elf Jahre in Folge meine Stimmbänder gefordert.

Ich mache an der Buchaktion mit, weil ich viel und gerne lese und beim „Kölner Samba“ angesichts einer Jungfrau aus dem Kölner Dreigestirn und einer leicht bekleideten brasilianischen Tänzerin auf dem Titelblatt einem glücklicherweise nicht ganz so leicht bekleideten Berti Grimm den Rezensionswunsch einfach nicht abschlagen konnte“ 😉

Rezension

Was haben der Kölner Karneval und afrobrasilianische Kulte gemeinsam? Im Grunde wenig, außer dass die Narren vom Rhein nach dem 18. Kölsch ab und an in ähnliche bizarre Verrenkungen verfallen. Die Kölner Samba-Szene hingegen nimmt an den tollen Tagen durchaus ihren Platz in der Metropole ein – und Werner Geismar lässt seinen „Kölner Samba“ in eben dieser Gemengelage tanzen.

Auf 228 Seiten netto schickt Geismar in seinem 2010 erschienenen Krimi den Rechtsanwalt Bruno Böllmann von Fastnachtssonntag bis Aschermittwoch von einer Party zur nächsten Kneipe und dazwischen ab und an in die eigene Wohnung. Dort verendet Böllmanns Katze, weil sie zu viel vom Heroin nascht, das Dealer in einem Hühnerkadaver versteckt haben. Den wiederum kriegt Böllmann am Straßenkarneval durch Zufall in die Finger, als er Augenzeuge eines Mords auf offener Straße wird und zum ersten, aber nicht letzten Mal seine Beine in die Hand nehmen muss.

Während den Anwalt die Abgründe der Kölner Halbwelt und die triste Beziehung zu seiner Freundin eher kalt lassen, setzt ihm der unerwartete Tod seines Haustiers zu. Vor allem deswegen macht er sich trotz bester Kontakte zur Kölner Polizei auf eigene Faust an die Ermittlungen. Eher nebenbei will Böllmann seinen eigenen Pelz retten und wissen, wer und weshalb in aller Öffentlichkeit die Gehirnflüssigkeit des Opfers auf den Asphalt an der Severinstorburg spritzen ließ.

Drastische Schilderungen dieser Prägung wählt Geismar häufig, ohne dass der „Kölner Samba“ unerträglich vulgär und brutal daher käme. Für zart Besaitete und Fans der abstrakten Feder ist das Buch gleichwohl nichts, für Konditionsschwache ebenso wenig: Denn wer sich nach ein paar Seiten an die manchmal allzu blumige Ausdrucksweise Geismars, dem ein paar Adjektive weniger gut zu Gesicht gestanden hätten, gewöhnt hat, dem offenbaren sich rasante Handlungsstränge mit Verschlinggefahr.

Paradoxerweise flaut die Spannung zum Ende hin wieder etwas ab, leider werden auch die Geschichten einiger Protagonisten nur angerissen statt näher verfolgt. Selbst in Hauptfigur Böllmann würde man sich gern noch etwas tiefer hineinversetzen; hierbei immerhin verspricht der Büchermarkt mit Geismars Fortsetzung „Kölner Requiem“ spätere Abhilfe.

Ob der Rasanz, mit der sich zumindest der Hauptstrang entwickelt und dem Leser zeitweise den Atem zu rauben vermag, aber auch dank des reich gesäten schwarzen Humors lässt sich derlei aber verschmerzen. Spannung, Tempo und so einige Schmunzler bekommt der Autor wohlfeil aufs Papier. Zeitvergeudung ist die Lektüre nicht; wegen der mitunter etwas unlogischen und an den Haaren herbeigezogenen Entwicklungen bleibt dem Werk ein Platz im Regal der langfristigen Bewunderung indes verwehrt. Eins auf jeden Fall ist Werner Geismars „Kölner Samba“ bei allen Grautönen definitiv nicht:  eine Einladung zur Schunkelrunde auf dem Kölner Karneval.
JENS DÖRR


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